Leseprobe „Aus dem Verborgenen“

 

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Kapitel 1
»Es war ein Mädchen frisch und schön […]« G.C. Lichtenberg

Normalerweise legte Gregor Pappel großen Wert auf Pünktlichkeit. In den fünf Jahren, die er nun bei Grunemer als Lagervorarbeiter arbeitete, war es ihm nie passiert, dass er zu spät kam. Meist blieb er sogar länger als eigentlich notwendig und schaffte so Überstunden auf sein Arbeitszeitkonto. Doch an diesem Tag war alles anders. Obwohl er bereits vor etwa einer halben Stunde hätte losfahren müssen, stand Gregor fasziniert am Fenster zur Straße. Dort unten beobachtete er eine kecke Rothaarige, wie sie harten Männern eines Umzugsunternehmens Befehle erteilte. Zumindest wirkte es für ihn von hier oben so, als täte sie das.
Die gute Nachricht an diesem Tag war, dass die Frau auf der Straße in die Wohnung gegenüber einzog. Seit Daphne verschwunden war, hatte er das Gefühl gehabt, er könne nie wieder eine Frau ansehen und annähernd so empfinden, wie es bei Daphne der Fall gewesen war. Doch in diesem Augenblick durchströmte ihn eine angenehme Neugierde auf die Rothaarige. Mit einem Mal spielte Daphne gar keine so große Rolle mehr für ihn. Er spürte, dass die Zeit gekommen war. Er war endlich bereit für etwas Neues.
Mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern schleppten die Männer vom Umzugsunternehmen gerade einen großen Schreibtisch ins Haus. Gregors zukünftige Nachbarin nahm sich eine Stehlampe aus dem Sprinter und folgte ihnen. Jetzt musste er sich beeilen, wenn er sie auf der Treppe erwischen wollte. Gregor schnappte sich seinen Autoschlüssel und stürmte aus der Wohnung. Ungeduldig wartete er im Treppenhaus, bis die Männer schnaufend im dritten Stock ankamen, und eilte dann an ihnen vorbei. Die Rothaarige traf er im Erdgeschoss. Dort stand sie an die Wand gelehnt, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt.
Unvermittelt blieb er stehen und betrachtete sie genauer. Sie war noch viel schöner als er vom Fenster aus erahnt hatte. Die Strähnchen ihrer Kurzhaarfrisur fielen ihr tief in die Stirn, bis zu den Augenbrauen. Darunter lagen großen Augen, die sogar in der schwachen Beleuchtung des Hausflurs zu funkeln schienen. Ihr Shirt war von der linken Schulter gerutscht und Gregor konnte den Ansatz ihrer Brust ausmachen. Gierig starrte er auf den schwarzen BH-Träger und stellte sich vor, wie auch dieser herunterrutschte und ihren nackten Busen freigab.
»Warte mal einen Moment«, sagte sie plötzlich ins Telefon. Ihre Stimme klang wundervoll rau und dunkel. »Möchten Sie etwas von mir?«
Gregor runzelte die Stirn und blickte hoch in ihr Gesicht. Mit dem Zeigefinger deutete er fragend auf sich.
»Ja, Sie meine ich.« Sie schenkte ihm ein gequältes Lächeln.
Oh, es gibt viele Dinge, die ich von dir will, dachte er, sagte aber: »Ach. Nein, entschuldigen Sie.«
Wegen der Gedanken, zu denen er sich eben hatte hinreißen lassen, schoss Gregor das Blut ins Gesicht. Er setzte sich in Bewegung, damit sie es nicht bemerkte. Als er an ihr vorbeiging, atmete er tief durch die Nase ein. Sie sah nicht nur gut aus, sie roch auch unbeschreiblich gut. Lächelnd machte er sich auf den Weg zu seinem Auto. Heute würde er sicher keine Überstunden machen. Er konnte es jetzt schon kaum noch erwarten, wieder nach Hause zu kommen.


Kapitel 2
»Wohin mich mein Schicksal und mein Wagen führt.« G.C. Lichtenberg

Elsa fuhr vor Schreck zusammen. Das schrille Läuten der Türglocke klang so vollkommen anders als das dezente Summen in ihrer alten Wohnung. Zögerlich stand sie auf. Mit Jogginghose und löchrigem Nirvana-Shirt war sie ganz und gar nicht passend angezogen, um Besuch zu empfangen. Davon abgesehen wunderte sie sich, wer jetzt wohl bereits ihre Adresse haben konnte. Erst vor einer Stunde hatte sie mit der Umzugsfirma ihre Sachen in die Wohnung geschafft und bis auf ihren ehemaligen Kommilitonen kannte sie niemanden in Frankfurt. Wie auch, sie hatte gerade mal vor zwei Wochen entschieden, aus Hamburg wegzugehen.
Der unerwartete Besucher war anscheinend nicht mit Geduld gesegnet. Bevor Elsa überhaupt in der Diele angekommen war, klingelte er schon zum zweiten Mal.
»Ist ja gut«, murmelte sie und ging zur Tür. Dort nahm sie den Hörer der Gegensprechanlage ab.
»Hallo«, sagte sie und lauschte. Am anderen Ende blieb es bis auf den Verkehrslärm still. »Wer ist da?«, versuchte sie es noch einmal.
»Da stand ein Umzugswagen vor der Tür. Was hat das zu bedeuten?«
»Wie bitte? Sie haben wohl die falsche Klingel erwischt.«
»Daphne?«, fragte eine männliche Stimme. »Das bist doch nicht du!«
»Ganz genau. Hier ist nicht Daphne. Mit wem spreche ich denn?«
»Sie ist also nicht da?« Der Fremde ignorierte ihre Frage.
Elsa schüttelte genervt den Kopf. »Tut mir leid, ich glaube, ich kann Ihnen nicht helfen. Eine Daphne gibt es hier nicht.«
»Oh«, machte der Mann auf der Straße. Dann hörte Elsa, wie sich seine Schritte entfernten. Verabschiedet hatte er sich nicht.
Elsa runzelte die Stirn, doch sie beschloss, sich nicht weiter mit dem Kerl zu beschäftigen. Nun wusste er ja, dass er seine Daphne hier fortan nicht mehr erreichen würde. Momentan hatte Elsa ohnehin genug damit zu tun, sich mit ihrem zukünftigen Leben ohne Pascal anzufreunden und dabei irgendwie ihren Roman fertigzustellen.
Ja, sie war diejenige, die die Trennung gewollt und aus diesem Grund einen Neuanfang in einer fremden Stadt gewagt hatte. Aber sie hatte sich wohl kaum dafür entschieden, ihn mit einer dickbusigen Brünetten mit einem riesigen Engelsflügel-Tattoo auf dem Rücken im Bett zu erwischen. Die Tätowierung hatte sich deshalb so exakt in Elsas Erinnerung eingebrannt, weil die schlanke Schönheit gerade ihrem langjährigen Freund in Reiterstellung das Hirn aus dem Schädel gefickt hatte, als Elsa, ohne es anzukündigen, vorzeitig von einer Lesereise zurückgekehrt war.
»Verdammtes Arschloch«, sagte sie zur Wand und widmete sich wieder der wichtigsten Kiste ihres gesamten Hausstandes: der mit ihrem Laptop und den Notizheften. Jetzt, nachdem sie einen passenden Platz für ihren Klotz von Schreibtisch gefunden hatte, konnte sie mit der Arbeit loslegen. Längst war sie mit ihrem Plan in Verzug und die Zeit, bis ihr Internet in der neuen Wohnung funktionierte, wollte sie sinnvoll nutzen und endlich den Roman fertigstellen. Gleich morgen hatte sie einen Termin bei ihrer in Frankfurt ansässigen Agentur, um die erste Hälfte durchzusprechen. Ihr wurde ein wenig mulmig zumute, wenn sie daran dachte.
Klar, bisher hatte sie nie erwartet, den nächsten Weltbestseller abzuliefern und mit Kritik war immer zu rechnen. Doch die Sache mit Pascal hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Nach manchem Arbeitstag nagte das Gefühl an ihr, sie hätte nichts als einen Haufen zusammenhangsloser Sätze zu Papier gebracht. Mit Lob und warmen Worten war also eher nicht zu rechnen, und vor harter Kritik fürchtete sie sich in ihrem aktuellen Zustand. Die Gedanken an den Termin würden ihr mit Sicherheit noch eine unruhige Nacht bescheren.
Egal, da musste sie jetzt durch. Am besten wäre es, wenn sie ihrem Agenten gleich etwas vorweisen konnte. Zwei weitere Kapitel zum Beispiel. Also stellte sie den Laptop auf den Schreibtisch, friemelte das Ladegerät in die Steckdose und drückte auf den Power-Knopf. Der Ladebildschirm erschien gerade auf dem Monitor, da klingelte es schon wieder an der Tür.
Elsa ging an die Gegensprechanlage, sagte dieses Mal aber nichts.
»Hallo?«, fragte eine männliche Stimme. Der Kerl vor dem Haus war garantiert ein anderer als der vorhin, er klang sehr viel unsicherer und Elsa sah vor ihrem inneren Auge, wie er sich ängstlich umschaute.
»Was gibt’s?«, fragte sie sehr viel weniger freundlich als noch bei dem anderen Besucher.
Der Mann atmete auf und räusperte sich dann. »Na endlich. Ich dachte schon, du wärst einfach so verschwunden. Kann ich hochkommen?«
Elsa schnaubte verächtlich. »Natürlich nicht.«
Was glaubst du denn, wer du bist?, fügte sie in Gedanken hinzu.
Dem Mann hatte es offensichtlich vor Verwunderung über ihre Antwort die Sprache verschlagen. Gerade in dem Moment, als Elsa den Hörer auflegen wollte, fand er sie doch wieder.
»Aber … Warum? Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Ich muss dringend mit dir sprechen.« Er senkte die Stimme. »Hast du … ist jemand bei dir?«
Elsa runzelte die Stirn und schaute den Hörer an. »Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.«
»Daphne?«
»Gott verdammt, was steht denn auf dem Klingelschild? Hier gibt es keine Daphne.«
»Ich verstehe nicht … Ist sie umgezogen? Wo steckt sie denn?«
»Hören Sie, wer auch immer Daphne ist, sie ist nicht mehr hier. Es wäre nett, wenn Sie nicht mehr bei mir klingeln würden.«
Damit knallte Elsa den Hörer auf die Sprechanlage und stapfte zurück ins Wohnzimmer. Der erste Tag in der neuen Wohnung ging ja gut los. Sie fragte sich, wie sie unter diesen Umständen die nötige Ruhe zum Schreiben finden sollte.
Der Laptop war mittlerweile hochgefahren und Elsa öffnete ihr Manuskript. Der Cursor blinkte bedrohlich auf der leeren Fläche unter dem Wort »Kapitel 24«. Sobald sie die Datei öffnete, war ihr Hirn wie ausgeknipst und sie konnte einfach nichts schreiben. Natürlich kannte sie all die Tipps gegen Schreibblockaden. Ebenso wusste sie, dass drei Sätze, die man am nächsten Tag wieder umschrieb, besser waren als kein Satz, doch sie schaffte es schlicht und ergreifend nicht. Krampfhaft versuchte sie, sich an den Einstieg in die Szene zu erinnern, den sie gestern Nacht im Kopf gehabt, aber leider nicht notiert hatte. Ihr Hirn war wie leergefegt und sie befürchtete, jeden Moment einen vertrockneten Busch durch die Einöde in ihrem Kopf wehen zu sehen. Elsa streckte ihm die Zunge raus. Wie zur Hölle sollte sie ihren Protagonisten helfen, endlich zusammenzufinden, wenn sie am liebsten nackte Frauen mit Engels-Tattoos mit Worten umbringen wollte?
Frustriert minimierte sie das Dokument und öffnete stattdessen ein anderes. Dann stand sie auf und nahm eines der Moleskin-Notizbücher aus der Umzugskiste. Obwohl das der Agentur so gar nicht passen würde, war es nun vielleicht eher an der Zeit, den Thriller anzugehen. Das erste Kapitel hatte sie bereits vor Jahren geschrieben, sich aber seitdem nie wieder an den Stoff herangetraut. Die einzige Weiterarbeit hatte darin bestanden, dass Elsa sich Notizen zu der Handlung machte, die mittlerweile ein halbes Notizbuch füllten. Jetzt war sie genau in der richtigen Stimmung, in die Story einzusteigen und das Blutbad starten zu lassen.
Bevor sie es jedoch komplett aufgeschlagen hatte, riss sie erneut das schrille Geräusch der Türklingel von ihrem Stuhl. Sie stürmte in den Flur, schnappte sich den Hörer und brüllte: »Liest denn heute niemand mehr Klingelschilder? Daphne wohnt nicht mehr hier, ich kenne sie nicht und ich weiß auch nicht, wo sie hingezogen ist. Verschwinden Sie!«
Einen Moment lang blieb es still, doch dann hörte sie ein leises Kichern. »Mensch, Elli, was für eine Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Hätte ich gewusst, dass ich dich mit meinem Auftauchen so überfordere, wäre ich nicht unangekündigt vorbeigekommen. Wärst du lieber alleine?«
»Achim? Bist du das?«, fragte Elsa verdutzt. Nun fiel ihr ein, dass sie ihrem ehemaligen Kommilitonen bereits von Hamburg aus ihre zukünftige Adresse mitgeteilt hatte.
»Nein, hier ist der Postbote. Hab nur vergessen, zweimal zu klingeln. Lässt du mich jetzt rein?«
Nun musste auch Elsa lachen. Sie drückte auf den Öffner und bereits wenige Augenblicke später hörte sie Schritte vor ihrer Tür. Achim musste die Treppen nach oben geflogen sein.
Als sie ihm die Tür öffnete, erkannte sie den Mann davor beinahe nicht. Im Gegensatz zu ihr, die gefühlt noch immer in derselben Strickjacke aus dem Studium herumlief, hatte sich Achim total gewandelt. Damals eher von der Sorte exzentrischer Paradiesvogel stand nun ein moderner, in derben Lederboots, schwarzen Röhrenjeans und grauem Hemd gekleideter Mann vor ihr. Elsa grinste etwas verschämt, nahm aber die Umarmung an, die er ihr mit ausgebreiteten Armen anbot. Die war so herzlich, dass Elsa das Gefühl bekam, ihr letztes Treffen sei nicht vor vier Jahren, sondern maximal vor vier Wochen gewesen.
»Mann, du wirst kaum glauben, was heute schon hier los war«, seufzte sie an seiner Schulter und atmete den Duft seines Aftershaves ein. Wäre er nicht schwul, er könnte eine perfekte Ablenkung für ihre Situation sein.
»Umzüge sind immer stressig«, sagte er und drängte sich an ihr vorbei.
»Das ist es nicht. Offenbar hat meine Vormieterin vergessen, ihren Liebhabern mitzuteilen, dass sie demnächst auszieht. Ansonsten kann ich mir nicht erklären, warum heute bereits zwei Kerle vor dieser Tür standen, die nach einer Daphne gesucht haben.«
Achim schien ihr nicht zuzuhören, sondern bestaunte gerade das nagelneue Laminat im Flur. Dann öffnete er die Tür zu seiner Linken. Das Bad. Er pfiff anerkennend durch die Zähne. »Eine schicke Bude hast du da gefunden. Sogar mit richtigem Bad. In Frankfurt bei Altbau nicht normal, das ist dir klar? Und sieh dir den Boden an! Nicht solche mistigen Holzdielen, an denen man sich ständig Splitter in die Füße zieht.«
»Willst du den Rest auch sehen?«, fragte Elsa. Vorher würde wahrscheinlich kein ordentliches Gespräch mit ihm möglich sein.
Achim nickte und machte sich auf den Weg in die Küche. Dort gab es außer einem alten Tisch, den Elsa noch im Keller gebunkert hatte, nicht viel zu sehen. Es würde eine Weile dauern, bis Elsa sich eine richtige Küche leisten konnte. Nachdem sie Achim durch die restlichen zwei Zimmer geführt hatte, setzten die beiden sich ins Wohnzimmer und Achim hörte sich mehr amüsiert als bestürzt Elsas Geschichte von den Männern vor ihrer Tür an.
»Da hast du wohl den Grund für ihren heimlichen Umzug. Lauter verrückte Stalker, vor denen sie geflohen ist«, sagte er schließlich und stupste Elsa gegen die Schulter. »Lass dich davon nicht verrückt machen. Das geht sicher nur die ersten Tage so.«
»Hoffentlich. Ausgerechnet jetzt wollte ich so richtig loslegen und endlich der Agentur Ergebnisse liefern. In letzter Zeit habe ich das Schreiben ganz schön schleifen lassen und die werden morgen nicht gerade begeistert sein, wenn ich kein einziges Kapitel weitergekommen bin.«
»Du hast dich seit dem Studium echt kaum verändert«, bestätigte Achim das Gefühl, das Elsa an der Tür bereits beschlichen hatte. »Immer vom Schlimmsten ausgehen, bloß nicht positiv in die Zukunft schauen und dann die Einskommanuller abräumen. Ganz das alte Strebermädchen.«
»Schön wär’s. Diesmal wird es wohl nicht so laufen.«
»Und wenn schon. Leg nachher einfach den Hörer daneben, wenn du etwas Ruhe brauchst und ruckzuck wird dich kein verschmähter Liebhaber mehr nerven.«
»Dafür kann dann aber jeder auf der Straße hören, wenn ich einen Pups lasse.« Elsa schüttelte den Kopf. Die Vorstellung, dass wildfremde Menschen irgendwelche Geräusche aus ihrer Wohnung mithören konnten, kam dem Gefühl gleich, in einem Schaufenster zu wohnen und seine Intimsphäre jedem preiszugeben, der gerade daran vorbeilief.
»Nicht, wenn du einen Pullover rumwickelst. Du müsstest schon extreme Blähungen haben, sollten die mit dieser Vorkehrung noch zu hören sein.«
Wie zum Beweis von Elsas Geschichte unterbrach das Läuten der Klingel die Unterhaltung der beiden. Elsa bewegte sich nicht.
»Willst du nicht an die Tür gehen?«, fragte Achim und nickte in Richtung Flur.
Elsa zuckte mit den Schultern. »Da du bereits hier bist und sonst niemand meine Adresse hat … Nein.«
Achim sah enttäuscht aus. Er stand auf und ging ans Fenster. »Lass uns wenigstens nachsehen, wie er aussieht. Bist du überhaupt nicht neugierig, was das so für Kerle sind?«
Doch, das war sie, aber bisher hatte sie ja an der Sprechanlage gestanden und deshalb nicht nach den Männern vor ihrer Tür schauen können. Sie stellte sich neben Achim und blickte gespannt auf die Straße. Kurze Zeit später wechselte ein Mann im Anzug die Straßenseite. Er ging zu einem Audi TT, stieg ein und brauste davon.
»Glaubst du, das war einer von ihnen?«, fragte Achim. »Vielleicht könntest du ihn an mich weiterleiten, wenn er Lust auf einen Ausflug in neue Gefilde hat. Ich hätte sicher meinen Spaß mit ihm.«
»Auf jeden Fall ist das schon der Dritte. Oder der Vierte, wenn man den creepy Nachbarn dazuzählt, der mich im Hausflur angestarrt hat, als wäre ich ein Alien. Den beiden, die vorhin geklingelt haben, habe ich unmissverständlich klargemacht, dass ihre Angebetete namens Daphne nicht mehr hier wohnt. Ich glaube nicht, dass die noch mal hier auftauchen.«
»Wie auch immer«, sagte Achim und drehte sich um. »Wir zwei Hübschen gehen jetzt erst mal einen Cocktail schlürfen. Mit ein oder zwei Promillchen fließen die Worte nachher bestimmt aus dir heraus.«
Elsa musste nicht lange überlegen und stimmte ihm zu. Alles war besser, als den restlichen Abend alleine in der Wohnung zu sitzen. Sie würde sich die ganze Zeit vorstellen, wie viele Männer bereits versucht hatten, bei ihr zu klingeln, nachdem sie den Hörer danebengelegt hatte. Hoffentlich behielt Achim recht und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich diese Belästigungen in Luft auflösten. Wie viele Männer konnten einer Frau schon hinterherrennen?


Kapitel 3
»Es geht freilich sonderbar zu unter uns Erdreichern.« G.C. Lichtenberg

»Wäre der da nichts für dich?«, nuschelte Achim an seinem Strohhalm vorbei und nickte in Richtung der Bar.
Ohne zu fragen, welchen der drei Typen an der Theke Achim meinte, zuckte Elsa mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
»Meine Güte, du hast nicht mal geschaut. Dafür bist du doch umgezogen, oder nicht? Um den Kopf freizubekommen und nicht mehr an den Arsch und seinen Engel zu denken.«
Elsa verschluckte sich beinahe an ihrem Cocktail. Gerade hatte sie es geschafft, Pascal auszublenden, da legte Achim den Finger in die Wunde. »Aber ganz bestimmt nicht, indem ich mich durch die Betten von irgendwelchen Kerlen vögle. Dabei kann ich mich nur schlecht auf meinen Neustart konzentrieren.« Mit spitzen Fingern klaubte sie eine der Erdbeerscheiben aus dem Glas und steckte sie sich in den Mund. »Außerdem habe ich für die nächsten Wochen genug Arbeit nachzuholen. Da bleibt keine Zeit für Bettgeschichten.«
»Wie zum Teufel willst du einen Liebesfetzen schreiben, wenn du im Kopf deiner vergangenen Beziehung hinterher trauerst?«
»Das frage ich mich auch.«
»Indem du was Neues anfängst, das sage ich dir doch. Ohne Verpflichtungen, nur Spaß. Das macht den Kopf frei, ich spreche aus Erfahrung.«
Elsa zuckte mit den Schultern. Sie bezweifelte, dass Achims Methode, sich über schmerzliche Erlebnisse hinwegzutrösten, auch die richtige für sie war. Am Rand ihres Blickfelds registrierte sie eine Bewegung. Einer der Kerle von der Bar stand auf und kam auf sie zu. Schnell wendete Elsa ihren Blick ab und schaute aus dem Fenster. Sie wollte ihn auf keinen Fall dazu animieren, sie anzusprechen. In der Spiegelung der Scheibe beobachtete sie, wie er abdrehte und in Richtung der Toiletten ging. Eigentlich sah er gar nicht mal so schlecht aus, aber in der jetzigen Situation etwas Neues anzufangen, konnte sie sich einfach nicht erlauben.
In diesem Moment verspürte sie wieder die ungemeine Wut auf Pascal. Weil er seine verdammten Triebe nicht unter Kontrolle gehabt hatte, stand Elsa nun vor dem Trümmerhaufen, der einmal ihr Leben gewesen war. Noch nie zuvor hatte sie in einer solchen Schreibkrise gesteckt. Seit etwa zwei Wochen brachte sie kein Wort zu Papier und bisher sah es nicht danach aus, als würde sich dieser Zustand so bald ändern. Zwar hatte noch kein Verlag Interesse an ihrem neuesten Roman bekundet, doch die Agentur hatte ihr Ende Mai eine Deadline für die erste Version gesetzt. Noch gerade mal vier Wochen für ein halbes Buch. Schon bei dem Gedanken daran schnürte sich Elsas Hals zu.
»Dieser Arsch«, murmelte sie.
Achim schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Er ist dir also auch aufgefallen«, sagte er. »Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass die hautenge Jeans momentan wieder in ist. Stell dir nur vor, was uns sonst alles entginge.«
»Eigentlich meinte ich Pascal.«
Achim seufzte übertrieben. »Irgendwie muss es doch möglich sein, diesen Blödmann aus deinen Gedanken zu vertreiben. Wir brauchen mehr Alkohol. So viel ist schon mal klar.« Er machte Anstalten, der Kellnerin zu winken.
»Aber nicht heute«, hielt Elsa ihn zurück und hob abwehrend die Hände. »Morgen früh habe ich einen Termin in der Agentur. Wenn ich dort mit einem Kater und mit viel zu wenig geschriebenen Seiten auftauche, kann ich mir gleich einen neuen Agenten suchen.« Das stimmte zwar nicht ganz, doch sie hatte auf alle Fälle genug für den Moment.
»Denkst du auch mal irgendwann nicht ans Schreiben? Seit wir uns heute getroffen haben, höre ich dich von nichts Anderem reden.«
»Weil es mein Job ist. Irgendwie muss ich meine Miete zahlen und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ich mich momentan am liebsten in meinem Bett verkriechen würde.«
»Dann mach das doch. In jedem normalen Job gibt es auch mal Urlaub. Wann hast du zum letzten Mal ein paar Tage am Stück abseits deines Laptops verbracht?«
»Urlaub kann ich mir erlauben, wenn ich dieses Projekt endlich abgeschlossen habe. Also vielleicht. Kommt drauf an, wie lange ich noch dafür brauche. Gut möglich, dass ich direkt mit dem Nächsten starten muss.«
»Du bist echt ein Workaholic.« Achim saugte lautstark die letzten Reste seines Cocktails aus dem Glas. »Niemand wird dich vergessen, wenn du mal ein halbes Jahr kein Buch rausbringst.«
»Vermutlich nicht. Aber wenn ich Pech habe, verhungere ich. Im Gegensatz zu dir habe ich kein festes Gehalt, das am Ende jedes Monats auf meinem Konto landet. Autor, das mag sich ja glamourös anhören, aber davon zu leben ist verdammt schwer. Oder glaubst du vielleicht, ich schreibe diese nichtssagenden Reportagen für Frauenschmierblättchen aus Spaß?«
»Hätte ja sein können. Jeder hat schließlich eine dunkle Seite. Lass uns wenigstens noch einen trinken, das Leben ist auch morgen noch hart genug.«
»Achim, das ist mein Ernst. Ich habe einen verflucht anstrengenden Tag hinter mir und ein nicht weniger anstrengender liegt vor mir. Es wäre nett, wenn du für mich mitzahlst. Ich brauche dringend etwas Schlaf.« Elsa legte ihm einen Zwanziger auf den Tisch und stand auf.
»Och Menno, dich kann man wohl wirklich nicht überzeugen.«
Elsa schüttelte bedauernd den Kopf. An diesem Abend musste sie ihren Verstand die Oberhand behalten lassen. Sie verabschiedete sich mit einer langen Umarmung und machte sich auf den Weg nach Hause.
Sie war fast da, als ihr ein Mann auffiel, der auf der gegenüberliegenden Seite ihres Hauses stand und zu den Fenstern schaute. Auf den ersten Blick sah es so aus, als würde er telefonieren, aber er stand einfach nur da.
Elsa verharrte einen Moment an der Straßenecke und beobachtete ihn. Beinahe fünf Minuten wartete sie, dann ging sie zielstrebig auf die Haustür zu. Als der Mann sie bemerkte, schlenderte er einige Schritte die Straße entlang, griff in seine Jackentasche und holte sein Handy heraus. Elsa sperrte die Tür auf und verschwand im Hausflur. Ob er zu ihrem Fenster geschaut hatte? Diese Kerle von heute Mittag machten sie schon ganz paranoid. Um sicherzugehen, dass er ihr nicht gefolgt war, achtete Elsa genau darauf, dass die Tür auch wirklich hinter ihr ins Schloss fiel.
Oben in ihrer Wohnung angekommen, ließ sie das Licht ausgeschaltet und ging zuerst ans Fenster im Wohnzimmer. Tatsächlich stand der Mann noch immer auf dem Bürgersteig und schien das Haus zu beobachten. Sein Handy hatte er anscheinend wieder eingesteckt. Damit sie besser erkennen konnte, was er trieb, wechselte Elsa in das ans Wohnzimmer angrenzende Schlafzimmer.
Sie wartete eine ganze Weile, während der Kerl eine Zigarette nach der anderen rauchte. Nachdem er die Dritte ausgetreten hatte, verschwand er endlich die Straße entlang aus Elsas Sichtfeld.
Sie atmete auf und ließ die Rollläden herunter. Normalerweise hasste sie es, sich auf diese Weise einzusperren, aber sie wollte erst recht nicht von wildfremden Kerlen bespannt werden. Mittlerweile war sie sich sicher, dass der Mann zu ihrer Wohnung hinaufgeschaut hatte. Zeitweise hatte sie sogar das Gefühl beschlichen, dass er sie direkt anschaute, obwohl das eigentlich nicht sein konnte.
Vermutlich war es einer der Männer, die am Nachmittag bei ihr geklingelt hatten. Anscheinend wollte er sich persönlich davon überzeugen, dass er seine Daphne hier tatsächlich nicht mehr antreffen würde. Elsa überlegte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn sie sich hinter dem erleuchteten Fenster gezeigt hätte. Dann wüsste der Kerl nun immerhin Bescheid und würde sie in Zukunft in Frieden lassen.

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